Den Mann meiner Freundin Steffie habe ich bis zu seiner Pensionierung eigentlich als ziemlich geerdeten, will nicht sagen langweiligen, Banker gesehen. Einen, der morgens im Anzug und Krawatte das Haus verläßt, genau zur gleichen Zeit, um seiner Tätigkeit in einer Bank nachzugehen. Er kann sehr gut mit Zahlen umgehen, weniger mit Worten. Das hab ich eigentlich bisher immer gedacht. Und dass er eine Stimmungskanone wäre, davon haben wir in den letzten Jahren auch nichts gemerkt. Bis zu seiner Pensionierung im letzten Jahr.

Seitdem hängt er ständig zuhause rum, geht seiner Frau auf die Nerven; d.h. gibt gute Ratschläge wie sie die Küche und den Haushalt besser organisieren kann u.ä. Neulich hab ich die beiden mal zum Kaffe eingeladen, natürlich mit ein paar anderen Leuten, damit die Runde etwas aufgelockerter würde und er nicht dauernd von seiner Bank erzählt. An dem Tag sind einige Dinge zum ersten Mal passiert. Wir sehen Kurt nicht im Anzug und es wird, zumindest am Anfang auch ganz lustig und später noch frivol.

Wir sitzen also bei Kaffee und Kuchen im Garten. Ich hatte Marzipantorte gebacken, die mir wirklich gut gelungen ist. Allen schmeckt es. Plötzlich fragt Kurt, so heißt Steffies Mann: „Kennt ihr den?“ „Was ist süß und schwingt sich von Baum zu Baum?“ Ratlose Gesichter. Kurt prustet heraus: „Tarzipan“. Alle lachen. Steffie flüstert mir zu, dass Kurt neuerdings dauernd im Internet unterwegs ist und von da seine Witze und Kalauer her hat. Ich bin sprachlos.

Wegen der Vitamine - und als Alibi - gibt es nach der Torte auch noch einen Obstsalat. Mit wirklich allem was es an Früchten am Markt zu kaufen gab, auch exotischen. Als alle ihr Schälchen vor sich stehen hatten hebt Kurt den Kopf, räuspert sich, bis er alle Blick auf sich gelenkt hatte und sagt: „was ist bunt und läuft über den Tisch davon ?“ Gespannte Aufmerksamkeit: „Fluchtsalat, hahaha“. Die Stimmung hebt sich und fast jeder will nun einen Witz erzählen.

Die Gespräche werden angeregter und lebhafter. Helga und Horst berichten von ihrem letzten Tauchurlaub in der Karibik, was Kurt auch hier nicht unkommentiert läßt. „Was ist rosa und schwimmt im Wasser?“ Alle schauen ihn erwartungsvoll an: „eine Meerjungsau“. Da wäre keiner von uns drauf gekommen, ich schwörs. Die Stunden gehen im Nu vorüber und ich serviere nach dem Kaffee noch Nusslikör, dem Kurt des öfteren zuspricht und gibt dann noch was zum besten, jetzt allerdings schon mit leicht ungenauer Aussprache: „was ist braun und sitzt hinter Gittern?“ und antwortet sich selbst gleich darauf: „eine Knastanie. Hihihi, hicks“. Steffie und ich schauen uns an und sie zuckt leicht mir ihren Schultern.

Aufbruchstimmung macht sich breit, aber nicht bei Kurt. Er bleibt sitzen! „Kennt ihr den?“: „Was ist rot und geht auf der Straße auf und ab?“ “Eine Hagenutte“ ruft Kurt und haut sich selbst auf die Schenkel. Allgemeines Gelächter und Kurt ist ganz in seinem Element. „Was ist blau und geht die Straße auf und ab?“ Alle überlegen , keiner kommt drauf. „eine Frostituierte“.

So hab ich den Mann meiner Freundin noch nie erlebt. Horst und Helga murmeln was von fremdschämen und Steffie will mit ihrem Angetrauten nur noch weg. Der merkt nicht, dass seine letzten Kalauer nicht mehr ganz so gut angekommen sind und legt noch einen drauf: „ was ist schwarz und fliegt mit 120 Stundenkilometern durch die Luft?“ Den kenn ich zufälligerweise und will Kurt noch den Mund zuhalten, aber da schreit er schon: „Ein Düsenneger, ein Düsenneger“. Jetzt lacht keiner mehr, wirklich. Helga und Horst, die sehr auf „political correctness“ achten sind bedient und gehen sehr schnell. Steffie liest Kurt in der Diele die Leviten, während ich in der Küche für die beiden noch etwas Marzipantorte einpacke. Ich glaub, jetzt ist er beleidigt, wo er sich doch so viel Mühe gegeben hat, etwas zur Unterhaltung beizutragen.

An der Haustür als Steffie schon draußen ist, pack ich Kurt am Arm und frag ihn: „was ist gesund und spielt den Beleidigten?“ Kurt schaut mich mit verhangenem Blick ratlos und leicht schwankend an. „Ein Schmollkornbrot“ sag ich zu Kurt und mach die Haustür zu.